ZEISS – ein Besuch in Oberkochen am Freitag, dem 8. Februar 2019

ZEISS – ein Besuch in Oberkochen am Freitag, dem 8. Februar 2019

Was ist anamorphotische Bildaufzeichnung? Was bedeuten die Namen Otus und Milvus? Was bringt uns die neue EUV-Lithografie? Und warum gab‘s keine Kaffeepause? Die Auflösung dieser Rätsel und noch viele weitere Informationen teilen wir gerne mit euch.

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Aber von Anfang an: Gestern besuchten 12 Fotofreunde die Firma ZEISS in Oberkochen nahe der bayerischen Grenze. In dieser Kleinstadt ist eines der weltweit erfolgreichsten Unternehmen für optische Geräte aller Art angesiedelt. Umso beachtenswerter ist es, dass wir eine Führung durch den Betrieb bekamen und auch, dass das Gespräch mit uns Hobbyfotografen gesucht wurde. Die Herren Keck und Dr. Ballmann widmeten sich uns den ganzen Tag.

Nach der Begrüßung führten uns Herr Dr. Ballmann und Frau Stumpp, die uns die Abläufe erklärte, in den Cinematografie-Bereich, genauer gesagt in die Montage für Filmobjektive. Der Zusammenbau der hochwertigen Objektive geschieht verständlicherweise in Rein-Räumen, so dass wir die Montage nur durch Schaufenster betrachten durften. Viele Arbeitsschritte werden in Handarbeit – meist durch sensible Frauenhände – durchgeführt und mit Hilfe feinster Messtechnik ermöglicht. Die Linsen werden von einer erfahrenen Mitarbeiterin am Rand radiert, um die ideale Rauheit für den Lack zu bekommen. Mit diesem dunklen Lack wird der Linsenrand von Hand geschwärzt, um vor ungewollten Reflexionen zu schützen. An selbst entwickelten Messgeräten werden die Abstimmringe zwischen einzelnen Linsen individuell angepasst, um die optimale Abbildungsleistung zu erlangen. Speziell ausgebildete "Fischerinnen" kämpfen gegen den Staub und Schmutz auf den Linsenoberflächen.

ZEISS arbeitet im Bereich Cinematografie auch mit der Firma ARRI (Arnold + Richter) aus München eng zusammen. ARRI verleiht Equipment (unter anderem Film-Objektive) an Filmemacher weltweit. Eine große Anzahl bekannter Filme verdanken ihre Qualität der Firma ZEISS: „Herr der Ringe“, „Fluch der Karibik“, „James Bond“, um nur einige zu nennen. Für ARRI entwickelte ZEISS auch anamorphotische Kino-Objektive, wo die Filmaufnahmen verzerrt aufgezeichnet werden, um später im Film wieder im richtigen Verhältnis wiedergegeben werden zu können. Das wird durch Zylinderlinsen im Objektiv erreicht. Erfahrene Techniker erkennen im Film, mit welchem Objektiv gedreht wurde.

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Vor dem Mittagessen besuchten wir das kleine Museum. Hier wird die Entwicklung der 170 Jahre alten Firma dargestellt. Die Geschichte von ZEISS spiegelt die deutsche Geschichte mit all ihren Höhen und Tiefen. Seit der Gründung als Handwerksbetrieb 1846 wandelte es sich zu einem forschungsorientierten Großbetrieb, der eine Vielzahl von optischen Produkten weltweit vertrieb. Der beiden großen Kriege, die Weltwirtschaftskrise und die Zeit der Teilung waren Jahre des Auf und Ab. Wie das ganze Land so wurde auch das Unternehmen in der Folge des Zweiten Weltkrieges gespalten. Nach der deutschen Wiedervereinigung kam man wieder zusammen und durchlief eine tiefe Krise, aus der das heutige Unternehmen gestärkt hervorging.

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as Museum zeigt Exponate von den Anfängen optischer Geräte bis heute, in den Bereichen Kamera- und Filmobjektive, Ferngläser, Zielfernrohre, Medizintechnik, Messtechnik, Augenoptik, Halbleitertechnik, Mikroskope, Planetarien und noch einiges mehr. So z.B. eine Vergrößerung des Fotos, das Neil Armstrong auf dem Mond mit einem ZEISS-Objektiv schoss, moderne Mikroskope, mit Hilfe derer Nobelpreise gewonnen wurden, ein Planetarium und ein gigantisches Lithografie-Objektiv, welches in der Chip-Herstellung verwendet wird. Mit extrem ultravioletter Strahlung können in Zukunft noch kleinere integrierte Schaltkreise günstig produziert werden.

Erschlagen von so viel Information und hungrig, erreichten wir um kurz vor ein Uhr die Kantine, wo wir uns Speis und Trank auswählen konnten. Danach wäre ein Sofa eine angenehme Alternative gewesen, aber nein: die Herren Ballmann und Keck trieben uns zur nächsten Abteilung: zum Vorführraum der Kamera-Objektive.

Hier glänzten die Augen und Begierde spiegelte sich auf dem einen oder anderen Gesicht. Ein Mitarbeiter der Firma ZEISS, Herr Hönlinger, führte uns die Objektive vor und wir durften selbst Hand anlegen. Die hochwertigen Objektive der Linie „Otus“ und „Milvus“ sind für DSLR-Kameras konzipiert, aber mit Adapterringe versehen auch für spiegellose Kameras geeignet. „Otus“ und „Milvus“ sind die lateinischen Namen der Eule und des Milans als Referenz an die Sehschärfe der Greifvögel. Objektive aus der „Otus“- und „Milvus“ -Familie erreichen nämlich bereits in der Offenblende herausragende Ergebnisse. Die Reihe „Batis“ wurde speziell für spiegellose Vollformatkameras von Sony entwickelt. Dr. Pollmann, Produktmanager bei ZEISS, kam dann auch noch dazu und es ergaben sich interessante und anregende Gespräche zwischen den Fotofreunden und den ZEISS-Mitarbeitern. Schärfentiefe, Bokeh, Brennweite...Begriffe schwirrten durcheinander, Erfahrungen wurden ausgetauscht.

Dass die ZEISS-Objektive nicht zum Schnäppchenpreis zu bekommen sind, versteht sich von selbst, wenn man gesehen hat, wie aufwendig und individuell der Herstellungsprozess abläuft. Wer eines dieser Schätzchen erwerben will, muss sich erst einmal einen dicken Sparstrumpf zulegen. Im Vorführraum ausgestellt sind ebenfalls Ferngläser, Spektive und Zielfernrohre für Jäger. Bei den Spektiven besteht sogar die Möglichkeit mit Adaptern eine Kamera aufzumontieren. Interessant ist das für z.B. Sportfotografen, die auf ein starkes Zoom angewiesen sind (Biathlon).

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Irgendwann ist der Kopf vollgestopft mit Neuem, die Synapsen glühen, die Stimmbänder rasseln, der krumme Rücken schmerzt und die Beine sind bleischwer. Jetzt wäre eigentlich die ideale Zeit für eine Kaffeepause. Eigentlich. Doch leider hatte die werkseigene Cafeteria bereits geschlossen. Freitagnachmittag haben die Mitarbeiter auch hier früher Feierabend. Pech gehabt. Damit wir innerlich nicht ganz mumifizieren, erhielten wir zum Trost Kaltgetränke: Wasser und Saftschorle aus – Bad Teinach.

Dr. Ballmann führte uns dann noch hinab in die Katakomben des Werks. Hier werden die bjektive auf ihre Güte getestet. Unter anderem mittels Siemenssternen und anderen Messmitteln wird die Abbildungsleistung bewertet. Bei Serienmodellen werden Stichproben genommen, Prototypen werden jedes einzeln auf Herz und Nieren getestet. Dr. Ballmann zeigte uns zum Abschluss dann noch einige interessante Objektive vergangener Tage. Boah!

Die letzte Station war das Umweltlabor. Das hat nichts mit Umweltschutz zu tun, sondern hier werden die Objektive in Klimakammern und –schränken auf ihre Belastbarkeit geprüft. Schließlich dürfen Objektive weder im feuchten Dschungel beschlagen, in der arktischen Kälte versagen, noch in der Wüste verstauben. In dem Labor werden auch andere optische Geräte wie die Periskope der U-Boote unter härtesten Bedingungen, wie Salzwassereinfluss, getestet. Die Objektive werden Hitze, Kälte, Stößen, Vibrationen und Feuchtigkeit ausgesetzt. Deshalb kann man sich auch bei minus 40 Grad oder extremen plus 70 Grad auf die Objektive verlassen. Sogar kurze, heftige Stöße mit 100g Kräften wirken auf die Prüfobjekte ein. (Ein Autoaufprall mit 50km/h und 50cm Knautschzone entspricht ca. 20g)
Gut, dass der Test ohne Fotograf gemacht wird, unsereiner würde dabei leicht kaputt gehen.

Es war beinahe 17 Uhr, als wir erledigt aber glücklich Richtung Heimat aufbrachen. Jeder in der Tasche ein kleines Gadget als Erinnerung. Ich glaube, niemand von uns hat es bereut, diesen Tag hier verbracht zu haben.

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